Das erste Kapitel aus „Kötter verliert die Geduld“, dem Münster-Krimi von Matthias Essing. Viel Vergnügen beim Lesen.
Kapitel 1: Tote lächeln nicht
Münster, Dienstag, 9. Juni 1998
Die aufsteigende Melodie des Handys riss ihn aus den Gedanken. In der Heerdestraße 7, im Kreuzviertel, habe man einen Studenten tot aufgefunden, allem Anschein nach erschossen. Kötter stellte keine Nachfragen und beendete das Gespräch mit dem Hinweis, er sei auf dem Weg. Es war Dienstagabend gegen 21.30 Uhr und er war nicht allein. Sie schaute ihn mit einem ungläubigen Blick an. Für den Bruchteil einer Sekunde gab er der Versuchung nach, liegen zu bleiben und den Augenblick zu verlängern. Kötter schüttelte den Gedanken ab wie eine lästige Fliege. Ihr Lutz habe sie verlassen, waren ihre ersten Worte gewesen. Sie wollten nur ein Glas trinken und etwas über die Welt reden. Der Abend wurde länger und irgendwann landeten sie in seinem Bett. Kötter ahnte, wie es weitergehen würde. Er machte keine Anstalten, dem Lauf eine andere Richtung zu geben. Nein, sie wisse auch nicht, was auf einmal mit ihr los sei. Sie könne nicht gut allein sein. Was guckst du mich so an, Kötter? Sie tat überrascht und machte den amateurhaften Versuch, etwas brüskiert zu reagieren. Wir wollten doch nur gute Freunde sein. Sie benahmen sich wie zwei unschuldige Kinder, vertrauten ihrem spontanen Gefühl und wussten doch nicht, was sie voneinander halten sollten.
Er küsste ihren weichen Mund und strich die dichten Strähnen aus der Stirn. Dann zog er die Decke zurück, suchte seine Sachen zusammen und schloss behutsam die Zimmertür. Mein Gott, können die Leute nicht zu vernünftigen Zeiten sterben? Er kühlte sein Gesicht mit kaltem Wasser, strich die Haare grob nach hinten, fixierte das Ganze mit Gel und verließ das Bad fünf Minuten später. Er wollte gerade zur Wohnungstür, als sie wie auf Samtpfoten hinter ihm stand.
„Bin bald wieder zurück.“ Er vermied es, die Situation unnötig hinauszuzögern.
Statt einer Antwort drückte sie ihm ihre Knie zwischen die Beine.
„Du kannst dir was vom Italiener kommen lassen.“
„Kötter, ich bin nicht wegen des Essens hier!“ Sie drückte fester zu.
„Ich beeile mich.“ Er schob sie sanft in die Wohnung zurück.
Vor ihm lagen die dunklen Schatten einer Allee – und die dumpfe Ahnung, dass er dem nahenden Gewitter über der Stadt nicht entkommen würde. Kötter stemmte sein Gewicht in die Pedale. Kreuzviertel wusste er schon – aber die Heerdestraße? Er nahm die Warendorfer. Auf einem der beleuchteten Stadtpläne hatte er Mühe, die Seitenstraße zu entdecken.
Keine hundert Meter weiter war er sich nicht mehr sicher, fragte den nächsten Taxifahrer, bog rechts auf die städtische Promenade und spürte, dass es gleich ungemütlich werden würde. Der Himmel über der Stadt war schwarz – eine glatte, undurchdringliche Fläche, die ihm drohte. Kötter hatte keine andere Wahl, da musste er jetzt durch. Wie zum Trotz strengte er sich mehr als zuvor an, vergeblich. Der erste Schauer war kurz und heftig, Regenflatschen schlugen ihm kräftig ins Gesicht.
„Scheiß Regen, verfluchtes Kreuzviertel!“ Über die Treppe kommend, hörten ihn seine Kollegen durch die offene Wohnungstür. Es war mittlerweile 22.00 Uhr. Kötter spürte, wie die Nässe an seinen Beinen hochkroch und buchstäblich bis zu seinen Shorts vordrang. Er strich sich die klebenden Strähnen aus der Stirn, ein begossener Pudel sah nicht viel anders aus. Kötter war restlos bedient.
„Verdammtes Scheißwetter! Weiß ich, wo die Heerdestraße ist? Können wir nicht einmal etwas in meiner Gegend haben oder am Kreisverkehr? Immer dieses Kreuzviertel!“
Er schritt durch die weiß lackierte Eingangstür in einen schmalen Flur, von dem aus zwei Zimmer rechts, Küche und Toilette links abgingen. Am Ende des Flurs stand das Empfangskomitee. Volle Besetzung. Man war schon mitten in der Spurensicherung.
„Alles in Butter, Chef.“ Wienand nahm an, dass das Kötter beruhigte. Wienand war das, was man einen jungen Spund nannte, einen Rookie. Knapp unter dreißig, noch in der Ausbildung und seit kurzer Zeit als eine Art Praktikant bei Kötter im Team – sich die ersten Sporen verdienen und die Praxis hautnah erleben. Kötter nahm sich dieser Aufgabe nur schleppend und oberflächlich an. Wienand war neu, unerfahren und heiß darauf zu lernen. Mit einem Wort: nichts für Kötter. Neben Wienand stand Stelzer.
„Sicher, hier ist alles in Butter. Alles in bester Ordnung“, versicherte dieser seinem Chef. Kötter nickte, als wenn er gerade die ganze Wahrheit über diesen Fall gehört hätte. Sie kannten einander jetzt sechs Jahre, man sprach nicht viel, wenig Privates, das lag aber mehr an Kötter. Stelzer hatte sich auf ihn eingestellt. Am Anfang war es ihm so vorgekommen, als liefe er gegen Betonmauern. Man musste ihn nur gewähren lassen. Stelzer sagte einmal zu Wienand, als dieser mehr über Kötter wissen wollte, dass man im Laufe der Zeit die Dinge aus seiner, also Kötters, Sicht sähe – zumindest sei er damit gut gefahren.
„Wo ist denn unser toter Student, der kleine Unhold?“, kam es unwirsch aus Kötter raus.
Wienand legte eilfertig los: „Liegt im Schlafzimmer nebenan, auf dem Bett, Chef. Glatter Durchschuss. Einmal quer durch. Vorne rein und sauber auf der anderen Seite wieder raus. Mehr gibt’s nicht zu sehen. Die Herzkammern haben jetzt ein Loch zu viel. Die Tatwaffe ist allem Anschein nach ein Armeerevolver russischen Fabrikats. Ziemlich rustikales Gerät. Lag daneben. Es fehlen zwei Patronen. Scheint so, als habe man ihn im Schlaf erwischt.“
„Haben wir beide Kugeln?“, warf Kötter ein. Wienand schüttelte den Kopf.
„Leider nur eine, steckte in der Matratze. Wo die andere ist, wissen wir noch nicht.“ Wienand zuckte mit den Schultern.
„Dann finden Sie es heraus – und kommt mir nicht mit irgendeiner dummen Ausrede!“ Er ging rüber ins Schlafzimmer, wartete einen Augenblick, schloss die Augen und sog an den Ausdünstungen der Szene. Es war sein Ritual. Kötter machte das immer so. Es war seine Art, damit umzugehen, es abzuschütteln. Er brauchte das. Jeder hat seine ganz eigene Art, damit fertig zu werden.
Viel war nicht zu sehen. Ein Bett, eine nicht gerade überquellende Kleiderstange, ein Stuhl, aufgestapelte Zeitschriften und ein paar Bücher daneben. Etwas nüchtern und unromantisch, Geschmack in seiner einfachen Form. Auf dem Stuhl waren sorgsam einige Kleidungsstücke übereinandergelegt, die dunklen, mit Schuhspannern aufgestellten Halbschuhe darunter. Der Raum war ungewöhnlich hoch. Kötter schätzte ihn an die vier Meter. Von der mit kleinen Stuckarbeiten verzierten Decke hing eine abgedimmte Glühlampe. Keine Bilder an den Wänden, kaum etwas Persönliches. Rechts ein weiß lackierter Wandschrank. Durch das große Doppelfenster spielte warm und erdig der letzte Rest eines glutroten, fast andächtigen Sommerabends.
Für einen kurzen Wimpernschlag war Kötter versucht, sich selbst an diesen Ort zu denken. Kreuzviertel hin oder her, hier konnte man es aushalten. Aber kaum einen Augenblick später, nachdem irgendjemand wie von Geisterhand die Lichter gelöscht hatte, wirkte alles bedrohlich und ausgehöhlt kalt. Er schüttelte ungläubig den Kopf, ging zum Fenster, dessen Oberlicht auf Kipp stand, und starrte auf die Straße. Unten standen, einander zugewandt, die üblichen Neugierigen. Kötter fühlte sich wie ein Schauspieler auf der Bühne, der durch den Vorhang ins Publikum blickte. Er sollte mal ins Theater gehen, sagte er sich. Dann kehrte er zurück und widmete sich seinem Einsatz.
Der Körper des Toten lag auf dem Bauch, mit dem Kopf nach links gedreht, ein verschmitztes, beinahe spitzbübisches Grinsen im Gesicht. Nichts deutete auf einen möglichen Kampf, ein Verbrechen hin – bis auf das kleine Einschussloch im Rücken und die schmale Spur von geronnenem Blut auf der Haut. Die Leichenstarre hatte eingesetzt und den letzten Moment wie in einem Eisblock eingefroren. Kötter blickte sich fragend um. Was er sah, war real, doch er hatte keine Erklärung dafür.
„Was soll das? Wieso schmunzelt der wie ein Honigkuchenpferd? Kann mir das einer erklären?“
Keine Antwort. Niemand fühlte sich aufgefordert, etwas zu sagen.
„Was ist daran witzig, wenn mich jemand über den Haufen schießt? Das macht doch keinen Sinn! Oder ist das hier ’ne spaßige Veranstaltung? Was soll die Nummer?“ Kötter schaute auf Wienand und wechselte die Tonalität. „Wie heißt denn unser nacktes Früchtchen?“
„Marc Böttcher“, kam es prompt und ruhig von Wienand zurück. Er war für diese Fragen gut präpariert. „Sechsundzwanzig Jahre, studierte Germanistik und Sport.“ Wienand wollte gerade weitermachen, als sein Chef unerwartet dazwischenfunkte.
„Sport?“, fragte Kötter, „wieso Sport? Und dann noch Deutsch – macht man so etwas überhaupt? Stelzer, wie hört sich das für Sie an?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr er fort. „Ich sag’ Ihnen was. Das klingt reichlich schief, oder?“
Wieder eine Frage ohne Ziel. Stelzer nickte, ohne wirklich auf Kötter zu reagieren. Er musste nicht eingreifen.
„Heißt das etwa, Stelzer, dass wir an die Uni müssen?“
„Könnte sein.“ Zu mehr kam er nicht.
„Weltklasse. Das ist ja schlimmer als die New Yorker Bronx oder Chicago bei Nacht! Können wir nicht mal was Richtiges bekommen, was zum Anfassen? Bestimmt hat da wieder einer etwas ganz Wichtiges geschrieben und irgendjemandem damit bös auf die Füße getreten. Und bums – kriegt er schon eins über die Rübe. Keine schöne Vorstellung, jemanden für so wenig umzunieten. Gott ja, Politiker, das könnte ich noch verstehen. Unsere schmierigen Gangster mit ihren paar Bordellen, von mir aus. Aber jetzt auch schon Studenten? Was ist verflixt noch mal so brisant an Goethe oder einem Unterschwung, dass man ihn deswegen umpustet?“
Stelzer nahm die Dinge, wie sie kamen. Diese Tiraden hatte er schon zu oft gehört.
„Was wissen wir noch?“
„Nun“, schaltete sich Wienand wieder ein, „nicht viel. Die Frau aus der unteren Wohnung hat die Polizei gerufen, nachdem sie ihn gefunden hatte. Sitzt etwas aufgelöst mit ihren Kindern vor der Glotze.“
„Und wie ist sie in die Wohnung gekommen?“
„Die Tür sei angelehnt gewesen, sagte sie.“
„Soso, die Tür sei angelehnt gewesen. ‚Frauen-von-unten‘ sind immer gefährlich, das sollten Sie wissen, Wienand.“
Der nickte nur mit dem Kopf, so als habe er gerade eine wichtige Erkenntnis vermittelt bekommen.
„Die hatten doch was miteinander – dann hat er Schluss gemacht wegen einer Jüngeren. Sie ratlos, verzweifelt, besorgt den Revolver und pustet ihn ins Jenseits. So einfach kann es manchmal sein, Wienand. Wie sieht sie denn aus? Hübsch? Fester Charakter?“ Dabei hielt er die Hände vor der Brust in der Spannweite von Körbchengröße 75B.
Niemand gab etwas auf diese Schnellschüsse. Sie sprudelten aus Kötter heraus wie das Öl am Golf. Er musste sich gar nicht die Mühe machen, es war einfach da und man brauchte nur an der Oberfläche zu kratzen und die unmöglichsten Geschichten und Varianten schossen ungefiltert aus ihm heraus. Kötter atmete tief durch. Nach der ersten hektischen Phase wurde er ruhiger. Er konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgendetwas war nicht in Ordnung. Dabei meinte er nicht das saudumme, überflüssige Grinsen. Nein, es war etwas, das vor ihm lag und er nicht greifen konnte. Es war da und wartete darauf, ausgesprochen oder gesehen zu werden. Er kam nicht drauf.
Jeder Ort birgt ein Geheimnis, eine Spur. Irgendetwas, mit dem man einen Schritt weiterkam. Aber hier war nichts. Er ging Raum für Raum durch, ohne im Geringsten auf einen Anhaltspunkt zu stoßen. Selbst auf den zweiten Blick entdeckte er nur die üblichen Dinge eines Mannes, der alleine wohnte. Um ihn herum entfalteten sich die vertrauten Aktivitäten, die zur Spurensicherung am Tatort notwendig waren. Kötter nahm sie wie durch einen Schleier wahr, seltsam unbeteiligt, in sich gekehrt und noch immer auf der Suche nach einem Detail für seine Ahnung. Er kam nicht weiter. Er besprach sich mit Stelzer, gab Anweisungen und signalisierte, dass er sich um die Frau von unten kümmern wollte. Mittlerweile war es schon fast halb elf.
Die Frau hieß Karla Friedmann. Wieder geschieden. Hatte das Sorgerecht für Hagen und Lena. Die beiden waren dann doch schon zu Bett. Ihr Gesicht war schmal, fast hager, dafür ähnelte der Rest einer trägen Masse. Sie hatte den flüchtigen Blick derer, die ihr Umfeld kritisch prüfen und stets wachsam sind, ob man ihnen zu nahe tritt. Sie schien nicht sonderlich aufgeregt zu sein. Beinahe kühl und reserviert ließ sie Kötter herein, bedeutete ihm, unnötigen Lärm zu vermeiden. Sie lebte ihr Leben für andere, durchfuhr es Kötter. Unter ihren Augen waren tiefe Schatten von zu wenig Schlaf und zu viel Fürsorge.
„Langer Tag heute“, sagte sie müde und fast erstickt.
Kötter legte ohne Umschweife los.
„Kannten Sie Böttcher?“
„Was heißt kennen? Sagt sich so einfach. Im Sinne von wissen, wer er war – nein. Natürlich haben wir miteinander geredet. Der Marc passte schon mal auf die Kleinen auf, wenn ich abends raus wollte. Man kommt ja zu nichts mehr, wenn man … Harter Job, sag ich Ihnen.“
Kötter machte keine Anstalten, ihren Redefluss zu unterbrechen. Er hob nur ab und zu die Augenbrauen, wenn ihm eine Sache wichtig erschien.
„Ich kann mir denken, was in Ihrem Kopf rumspukt. Wäre schön einfach, nicht. Sie vermuten bestimmt, ob ich mit ihm … Habe ich aber nicht. Er war ein wirklich feiner Kerl. Sehr nett, eben freundlich und hilfsbereit. Etwas schüchtern vielleicht, zumindest mir gegenüber. Zurückhaltend, meine ich. Studierte an der Uni. Fragen Sie mich aber bitte nicht, was es genau war. Ich glaube irgendwas mit Geisteswissenschaften oder so. Schon komisch, weil – lesen und so was, war nicht ganz seine Sache. Glaube ich.“
„Etwas Auffälliges in letzter Zeit?“, Kötter spulte seinen Film ab.
„Na ja, nein. Was heißt auffällig? Ich hab’ mir nie Gedanken gemacht, was Marc angeht. Er lebte sein Leben und ich meines. Man sah sich, man war nett zueinander, aber dann hatte es sich auch schon.“
Was sei mit Frauen gewesen, wollte Kötter noch wissen.
„Hören Sie, ich war nicht daran interessiert, sein Leben zu dokumentieren. Oder glauben Sie, dass ich den ganzen Tag hinter der Gardine stehe und Buch darüber führe, wer hier ein- und ausgeht? Sicher waren da Frauen. Verschiedene auch. Ich denke, dass er ab und zu auch was Festes hatte, eben wie die jungen Leute so sind. Nichts Besonderes, wenn Sie mich fragen. Irgendwie ist der normal. War normal.“
Kötter suchte in ihren Antworten nach einem Haken, an dem er etwas aufhängen konnte. Gut, als Student sollte man zumindest lesen können; er dachte noch einmal nach. Selbst die Sache mit dem Wagen kam ihm nicht befremdlich vor. Dafür gab es einfach zu viele gutsituierte Eltern. Vielleicht war es ja auch nur die Art, wie sie die Dinge formulierte, dass es bei ihm kein Aufmerken oder Zweifeln bewirkte. Irgendwie normal, hatte sie gesagt. Er ließ ihre Sätze noch mal durch den Kopf wandern. Da war nichts, was es sich lohnte herauszufischen.
Wenn ihr noch etwas einfiele, dann solle sie die Nummer auf der Visitenkarte anrufen. Kötter drückte ihr die kleine dicke Pappe in die Hand und murmelte noch etwas von Protokoll am nächsten Tag. Man werde noch mal auf sie zukommen.
„Ach ja“, fasste er plötzlich nach, „wo waren Sie denn heute Nachmittag?“
„Schwimmbad. Wo auch sonst bei dem Wetter.“ Kötter nickte so, als wenn er die Antwort erwartet hätte. Was soll man auch mit Kindern machen, wenn es Sommer ist.
Damit gab er ihr die Hand und stiefelte zur Dachwohnung. Die gleichen Fragen ergaben ähnliche Antworten. Erst seit drei Wochen hier. Mal gesprochen. Weiß nichts. Dickes Ding, nicht. Und dachte, die Stadt ist ’n ruhiges Pflaster. Nö, nichts Besonderes. Warum? Gute Frage, falscher Gesprächspartner. Ganzen Tag Uni. Haufen Zeugen. Klar, stehe zur Verfügung. Visitenkarte. Händedruck.
Kötter ging die Situation noch einmal durch. Was hatte man ihnen nicht alles in der Ausbildung beizubringen versucht. Die ersten Stunden sind die wichtigsten. Und all den anderen Unfug. In der Regel war es nur dann ein schneller Fall, wenn jemand freiwillig gestand. Oder ein Vollidiot seinen Ausweis zurückgelassen hatte. Manchmal bekam man einen Tipp zugesteckt. Dann ging es zack-zack. Aber hier war nichts. Die schnelle heiße Spur wollte sich nicht einstellen und es gab mindestens einen guten Grund, so zu tun, als habe er seinen Job erledigt. Kötter entschied, den Rest des Abends in angenehmerer Gesellschaft zu verbringen. Heute würde er nicht beginnen. Heute lief ein anderes Programm in seinem Kopf.
In der Tür zu Böttchers Wohnung blieb er stehen. Ohne hineinzugehen, rief Kötter: „Jungs, ich bin hier fertig und mache mich vom Acker. Sollte es noch was Neues geben, ruft mich an. Und denkt daran: Morgen um neun will ich alles auf dem Tisch haben. Ich will seine Familie, Freunde und Freundinnen, ich will jeden einzelnen verdammten Namen. Und den Obduktionsbericht. Sagt Klinge Bescheid, dass er neues Material zum Verarbeiten bekommt. Dann freut er sich. Sollte mich wundern, wenn ihn nicht ein paar Drogen zum Grinsen gebracht haben.“
Kötter sprach die letzten Sätze mit der Ahnung, einen wichtigen Punkt übersehen zu haben. Dieses kleine Malheur nahm er mit auf den Rückweg. Dass der Mann tot war, konnte kein Gott mehr ändern. Der Tod hat nichts Witziges, wollte er noch sagen, hielt es aber zurück. Es ging Kötter um Gerechtigkeit und darum, dass jemand für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden musste. Damit verließ Kötter das Haus, grußlos, in sich gesunken. Kein Blick mehr. Er war hier fertig und es gab keinen Grund, Agnes unnötig warten zu lassen.